Kein Platz im Schulsystem - und die Eltern stehen Vorwürfen gegenüber

 

Es ist leider kein Einzelfall, doch wenn man diese Geschichten hört, könnte man meinen, man stecke mitten in einer billigen Seifenoper.

 

Grundschüler, die aufgrund ihrer anderen Wahrnehmung und Reizverarbeitung Schwierigkeiten haben, im normalen Alltag zurecht zu kommen, bekommen keine adäquate Hilfe, werden abgelehnt, sollen in Kliniken eingewiesen werden, und den Eltern wird zudem noch Kindeswohlgefährdung unterstellt. Und das in unserem ach so hoch gelobten Sozialstaat, in dem „die Würde des Menschen unantastbar“ist.

Glauben Sie nicht?

So passiert es aber. Immer wieder.

 

Daniel* aus der Nähe von München, Manuel* irgendwo im Raum Nürnberg, beides Autisten. Eigentlich schlau genug, um in eine Regelschule zu gehen, mit einem Schulbegleiter an ihrer Seite, um das lernen zu können, was ihre gleichaltrigen Klassenkameraden auch tun.

 

„Das Recht auf Bildung“ ist hierbei die Grundlage zur sogenannten Inklusion. Es gibt genügend Beispiele, dass das funktionieren kann, wenn eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Schulbegleiter gegeben ist.

Leider gibt es aber viel zu wenig Schulbegleiter, die sich wirklich mit Autismus auskennen, Lehrer haben Sorge, dass sie ihren Unterricht nicht halten können und meinen, „solche Schüler sind auf Förderschulen besser aufgehoben“, Jugend- und Schulämter berufen sich auf die Schulpflicht, die selbst bei Kindern mit Einschränkungen so unauffällig wie möglich erfüllt werden muss.

 

Was das für Eltern bedeutet, die Tag für Tag bemüht sind, dem Kind die bestmöglichen Chancen für ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben mitzugeben, mag sich kaum jemand vorstellen. Ein Termin jagt den nächsten, Ärzte, Therapeuten, Ämter, usw., alle wollen Nachweise, Tests, Angaben, und leider nimmt kaum jemand die Eltern und ihre Einschätzungen ernst. Sie werden als „Helikoptereltern“ abgestempelt, würden ihre Kinder zu sehr in Watte packen, oder im Gegenteil zu wenig Liebe zeigen...

 

Menschen im Autismus-Spektrum haben manchmal Angststörungen als Komorbidität. Diese entstehen oft aus schlechten Erfahrungen, und weil es für Autisten ohnehin schwer ist, die Welt zu verstehen. Ihre Reaktionen auf bestimmte Situationen sind für diejenigen, die sich mit Autismus nicht auskennen – und das sind leider immer noch die meisten Menschen - schwer zu verstehen, nachzuvollziehen oder gar zu akzeptieren. Da kann es schon mal passieren, dass ein Kind mit Autismus unter dem Tisch sitzt, sich die Ohren zuhält und vor sich hinschaukelt. Dass es mit Reizüberflutung zu kämpfen hat, ein Schüler etwas Blödes gesagt hat, oder das Kind sich nicht mehr zu helfen weiß, wenn es etwas nicht versteht, sieht von außen ja niemand. Oder es fliegt ein Stift durch die Luft, ein Stuhl wird umgeworfen, geschrien. Ursache: Reizüberflutung und Unwissenheit des Umfelds. „Plötzlich und ohne Grund“ heißt es dann meistens.

Dass die Kinder ausreichend in die Konfrontation mit der „Außenwelt“ gehen müssen, ist einleuchtend, es kommt dabei aber eben auf eine gute Dosierung an. Autistische Kinder sind weder „ganz normal“ noch „völlig anders“.

 

Diese Kinder sind es aber nun, die wie Schwerverbrecher in Kliniken geschickt werden (sollen), weg von ihrem gewohnten, Sicherheit vermittelnden Zuhause, weg von den vertrauten Eltern. Sie sollen Medikamente nehmen, Therapien machen, um bloß nicht mehr negativ oder überhaupt aufzufallen, sollen an die Gesellschaft angepasst, nein, ihr gefügig gemacht werden. Dass spätestens hier die Eltern gegen solche „Empfehlungen“ laut werden, kann sicher jede Mutter oder jeder Vater nachvollziehen.

 

Doch nun stehen auch die Eltern unter Beschuss: Wenn eine Einweisung in Kliniken abgelehnt wird, und das Kind nicht normal beschult werden kann, wird geprüft, ob das Kindeswohl gefährdet ist.

Hier fragt niemand, wie es bspw. zu diesen Ängsten gekommen ist, was die Schulbegleitung über das Kind wissen muss, überhaupt, wie man dem Kind helfen könnte, sich besser zurecht zu finden. Es findet keine hilfreiche Kommunikation zwischen Eltern und Lehrer statt, denn die Fronten sind verhärtet. Auch wird von dem Kind verlangt, dass es mit dem ihm vorgesetzten Schulbegleiter klarkommt, egal, ob man sich wenigstens ansatzweise sympathisch ist oder nicht. Man will sich auch nicht darauf einlassen, dass das autistische Kind seine Rückzugsmöglichkeiten bekommt, sprich, mit der Schulbegleitung für eine Zeit das Klassenzimmer verlassen und sich erholen darf, obwohl dies zuvor im sogenannten Nachteilsausgleich vereinbart wurde. Man gestattet dem Kind auch nicht, sich langsam an neue Situationen zu gewöhnen, es muss jetzt, sofort, und wie alle anderen funktionieren.

 

So kämpfen die Eltern weiter, am Ende ihrer Kräfte, für ihre Kinder, für deren Würde, für deren Rechte... Und gegen die furchtbare Behauptung, das Wohl des Kindes könnte gefährdet sein.

Man gewinnt bei alledem den Eindruck, dass das Unvermögen der gesellschaftlichen Akteure zur Inklusion hier auf die Kinder und ihre Familien abgewälzt wird.

Das Wohl dieser Kinder, und das ihrer Familien, ist ganz sicher gefährdet, aber nicht, weil die Eltern dies mit ihrer Schutzhaltung verursachen, sondern weil man sie nicht hört. Und weil das Schulsystem keinen Platz für Kinder wie Daniel*. und Manuel*. hat.

Ein Armutszeugnis für unser Land bzw. unsere „aufgeklärte Gesellschaft“.

 

 

(*Die Namen wurden geändert)

 

 

Nachtrag:

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedeanken, die auf diesen Artikel reagiert haben.

Erschreckenderweise erreichen mich immer mehr Mails, die eben solche Vorfälle schildern, jeder der möchte, kann mich diesbezüglich weiterhin anschreiben.

 

Es ist wichtig, dass wir diese sogenannten "Einzelfälle" weiterhin zusammentragen, denn derzeit häufen sich die Fälle von Exklusion an den Schulen, zumindest vom Bezirk Oberbayern wisse man das konkret. Der Landesverband sammle solche Fälle, damit die Einzelfälle in den Bezirken mehr Gewicht erhalten und die Dringlichkeit hier besser gesehen wird, so Autismus Oberbayern e.V.