Inklusion?

 

Was ist Inklusion? Kann sie gelingen?

 

Inklusion bedarf einer Kombination aus Akzeptanz und insbesondere auch Verständnis für die Andersartigkeiten des Gegenübers. Ohne diesen Grundvoraussetzungen sind eine gerechte Beurteilung und ein fairer Umgang nicht möglich.

 

Inklusion ist mehr als ein Dulden eines Autisten und dessen Schulbegleiter in der Klasse. Inklusion ist mehr als eine einmalige Einladung eines Autisten als Redner bei einer Tagung. Es handelt sich hierbei im Gegenteil um eine heute leider immer häufigere Form von „vorgetäuschter Inklusion", die letztendlich nur die Funktion eines Alibis hat. Der „Quoten-Autist“ wird als Werbung für inszenierte Inklusion missbraucht. Autisten dürfen sich zwar beteiligen, sind aber eingeschränkt in ihrer Rollenzuweisung.

 

Inklusion ist vielmehr. Sie bedarf einer Einladung, eine Ermutigung zur Teilnahme, zum Mitmachen, zur Mitgestaltung. Und sie benötigt ein offenes, demokratisches und soziales Umfeld. Gerade für hochfunktionale Autisten ist Inklusion wichtig.

 

Gelingt dies nicht, weil man ausschließlich darum bemüht ist, dass keine Ausgrenzung stattfindet, ist Inklusion gescheitert.

 

Die Folgen sind verheerend:

 

- Autisten werden viel häufiger Opfer von Mobbing

- sie haben eine deutlich geringere Lebensqualität

- ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen

- sogar ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko

- und ein hohes Suizidrisiko

 

Positive Aspekte von Inklusion:

 

Autisten lernen am besten von Nicht-Autisten, wie das Leben außerhalb des eigenen Seins funktioniert. Sie beobachten, ahmen nach und entwickeln so ihre eigenen Strategien, wie sie mit ihren Ressourcen umgehen können.

 

Die emotionale und soziale Entwicklung wird gefördert, gleichzeitig aber werden Autisten darin bestärkt, dass sie nicht „falsch“ sind, sondern einfach anders funktionieren. Dass sie ihre Stärken für die Gruppe und für die Gesellschaft mit einbringen dürfen, dies sogar sollen, und dass es völlig natürlich ist, auch einmal zu scheitern oder nicht alles perfekt können zu müssen. Sie bekommen ein Zugehörigkeitsgefühl, sie lernen, dass die Gruppe hilfreich und unterstützend sein kann und sie gewinnen an Selbstwert.

 

Andererseits lernen auch Nicht-Autisten von Autisten. So hätte eine wahrhaft gelebte Inklusion nicht nur Vorteile für einen Teil der Menschheit, sondern die Gesellschaft könnte von den Kompetenzen aller profitieren. So unterschiedlich Menschen auch sind, so sehr sie auch von einer „Normalität“ abweichen, so ist doch allen gemein, dass sie soziale Wesen sind und die soziale Interaktion zum Lernen, Wachsen und sich Entwickeln, also zur Verwirklichung des Menschseins brauchen.

 

Probleme bei der Umsetzung

 

Solange wir über Inklusion reden oder gar diese erkämpfen müssen, stellen wir überhaupt nur eine Gesellschaft dar, die eigentlich von der Struktur her zur Ausgrenzung neigt.

 

Würden wir in einer echten inklusiven Gesellschaft leben, wären diese Diskussionen nicht notwendig.

 

Wo hauptsächlich unbewusste Gruppen-Interaktion stattfindet, ohne dass Autisten mittels bewusster Kommunikation mit einbezogen werden, wo immer noch Halb- und Fehlwissen verbreitet wird, wodurch es zu massiven Missverständnissen oder auch ungerechten Behandlungsmustern kommt, ist eine echte Inklusion von Autisten schwer zu erreichen. Die Folge sind schließlich selbstbestätigende Vorfälle:

 

Der Autist wird zum Schulverweigerer, zum Außenseiter, kommt im Unterricht nicht mit oder zeigt „herausforderndes Verhalten“, welches im normalen Schulgeschehen nicht aufgefangen werden kann.

 

Das Recht auf Inklusion ist zwar eine nette Idee gewesen, aber mMn hat man „das Pferd von hinten aufgezäumt“. Das ist wie mit dem „Recht auf einen Kindergartenplatz“. Schön, wenn man darauf bestehen kann, aber was nützt es einem, wenn es schlichtweg nicht ausreichend Plätze gibt?

 

Schön, wenn man als Autist das „Recht auf inklusive Beschulung“ hat, aber was nützt es einem, wenn weder umfangreiches Wissen über Autismus noch die Gegebenheiten vorhanden sind, bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen?

 

Lehrer wurden sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen. Sie mussten sich damit arrangieren, dass plötzlich ein Kind mit in der Klasse sitzt, mit dem es „vielleicht das eine oder andere Problem geben könnte“. Sie mussten von jetzt auf gleich akzeptieren, dass da ein Erwachsener mit im Raum sitzt, der einen evtl. kontrolliert und schließlich die Lehrertätigkeiten kritisiert.

 

Eltern wurde viel zu früh Hoffnung gemacht, dass es mit den Kindern mit Behinderungen nun gut laufen muss, denn schließlich haben wir ja die Inklusion...

 

Unser Schulsystem ist größtenteils gar nicht darauf eingerichtet, ehrliche Inklusion umsetzen zu können. Es bedarf noch viel Arbeit, aber auch hier stößt man häufig an Grenzen, die unüberwindbar scheinen. Es gibt einige engagierte Menschen, die etwas verbessern wollen, laufen aber nicht selten gegen Wände, weil Kollegen oder Vorgesetzte nichts verändern wollen, oder von Behörden nicht gesehen und erkannt wird, was es tatsächlich für Unterstützungsmaßnahmen braucht... Hilfen werden abgebaut, weil der Eindruck entsteht, es bräuchte sie nicht mehr... Die Wahlfreiheit ist auch nur ein Wort, welches in der Realität keine Bedeutung zu haben scheint.

 

So wollen manche Autisten vielleicht gar nicht auf eine Regelschule, da dort die Klassen zu groß sind. Für eine Förderschule sind sie dann aber nicht behindert genug und dürfen dort auch nicht hin.

 

Andere wollen auf der Regelschule bleiben, ihnen werden aber Hilfen, die durchaus möglich wären, nicht zugestanden.

 

Nachteilsausgleiche werden ignoriert, oder nach gut Dünken der Lehrer angepasst...

 

All das ist keine Inklusion.

 

Aber wo anfangen?

 

In der jetzigen Situation können wir uns nur mit „Krücken“ behelfen.

 

Schön wäre es, wenn das Verständnis dafür aufkommt, Autisten nicht mit dem gleichen Maß zu messen wie Nicht-Autisten.

 

Schön wäre es, wenn das Konkurrenz-Denken abnimmt, in dem man Netzwerke aktiviert und jeder etwas beitragen kann: Nur weil ich als Autist einen Schulbegleiter brauche, schmälere ich nicht das Ansehen des Lehrers. Nur weil ich mir Rat von einem erwachsenen Autisten hole, ist die Hilfe eines Therapeuten nicht weniger Wert.

 

Schön wäre es, wenn nicht nur über die Betroffenen und deren Angehörige hinweg entschieden wird, sondern diese aktiv mit einbezogen werden. Dies setzt voraus, dass man sich ein wenig Vertrauen schenkt und ernst nimmt, was das jeweilige Gegenüber zu sagen hat. „Mit uns – nicht über uns!“

 

Schön wäre es endlich zu begreifen, dass der eigentliche Gedanke der Inklusion darin besteht, dass die Vielfältigkeit des Seins die Normalität ist, und nicht eine von außen gestellte Norm den Großteil der Menschheit ausmacht, während Minderheiten als Außenrand-Gruppen betrachtet werden.

 

Inklusion fängt in den Köpfen an.


„Achte auf deine Gedanken – aus ihnen werden Worte.

Achte auf deine Worte – aus ihnen werden Taten.

Achte auf deine Taten – sie spiegeln deine innere Einstellung.“

 

(Dieser Text beinhaltet Auszüge aus "Zwischen Mobbing und Inklusion" von Bernhard J. Schmidt)