Autisten in der Schule

Weil mir dieses Thema sehr am Herzen liegt, und in unserem Schulsystem noch einige Verbesserungen nötig sind, beschäftige ich mich hiermit sehr intensiv. Es gibt viele gute Beispiele, dass Inklusion bei Autisten funktionieren kann, aber auch, dass Förderschulen nicht das Ende der Bildung bedeuten. Leider jedoch sind die Missstände so zahlreich, dass es hier noch jeder Menge Aufklärung bedarf.

Hier aber erst einmal allgemein:

 

Vorab: Dies ist nur ein Teil aller Möglichkeiten, die ich durch Erfahrungen und Austausch zusammen getragen habe.

"Kennt man einen Autisten, kennt man genau einen Autisten"!

 

 

Für Lehrer ist es zuerst einmal wichtig zu wissen, dass Autisten eine andere Wahrnehmung und Reizverarbeitung haben. Dies kann sich in allen Lebensbereichen zeigen.

 

Die Kommunikation ist manchmal eingeschränkt, weil diese in erster Linie auf logischer und rein informativer Ebene stattfindet. Mimik und Gestik wird entweder nicht erkannt, oder muss bewusst entschlüsselt werden. Stress kann Sprachblockaden auslösen, was nichts mit Faulheit oder Unhöflichkeit zu tun hat, ebenso wie der fehlende Blickkontakt. Ironie, Witz, Metaphern usw. wird oft wörtlich verstanden, es findet kein „zwischen den Zeilen lesen“ statt.

 

Es sollte auf eine klare, schnörkellose Aussprache geachtet werden, Aufgaben sind besser in einzelnen Schritten zu stellen anstatt in langen Handlungsketten, da während einer Aktivität das zuvor Gesagte wieder vergessen wird.

 

Auch wird häufig nicht wahrgenommen, wenn der Gesprächspartner kein Interesse an den Themen hat, worüber Autisten gerne und viel sprechen.

 

Durch die ständige Reizoffenheit fällt die Konzentration auf Wichtiges oft schwer, da Autisten Unwichtiges nicht einfach ausblenden können. So zeigt sich nach einer Weile z.B. ein Abschweifen der Gedanken, oder Unruhe und stereotype Verhaltensweisen, mit denen man ggf. versucht, die Konzentration aufrecht zu erhalten.

 

Hier sollte dringend eine Pause in einem reizarmen Raum ermöglicht werden. Entkommt man dieser Reizüberflutung (Overload) nicht, staut sich die innere Anspannung bis ins Unerträgliche, was dann zu einem sogenannten „Meltdown“ führen kann. Dabei kommt es zur Entladung des inneren Drucks, welche sich u.U. in sehr heftigen, teils aggressiven Äußerungen sowohl in verbaler als auch in körperlicher Form zeigt. Dieses Verhalten darf auf keinen Fall mit mutwilliger Absicht verglichen werden, wie sie bei einem kindlich trotzigen oder pubertären Wutausbruch vorkommt, wenn das Kind bspw. nichts Süßes bekommt oder nicht fernsehen darf. Bei einem „Meltdown“ verliert der Autist völlig die Kontrolle. Ansprache oder gar disziplinarische Maßnahmen greifen in diesem Zustand nicht. Einzig das Verlassen der Situation und absolute Ruhe, die Beschäftigung mit beruhigenden Dingen und Abwarten sind Möglichkeiten, aus diesem Zustand wieder heraus zu kommen. Oftmals ist man danach schwer erschöpft, so dass an diesem Tag keine Anforderungen mehr erfüllt werden können.

 

Am besten lässt man es gar nicht erst so weit kommen.

 

Allerdings spürt man als Autist nicht immer, wenn man in einen Overload gerät. Gerade Kinder brauchen Unterstützung und genaues Beobachten von vertrauten Erwachsenen, die für ausreichende Pausen und Rückzugsmöglichkeiten sorgen, vor allem in Situationen, in denen Kinder Spaß haben und ausgelassene Freude zeigen. Denn auch die müssen verarbeitet werden, was wiederum viel Energie kostet.

 

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass z.B. in Sport oder in der Pause getobt und gespielt wird, aber dann im Mathe-Unterricht keine Kapazitäten mehr übrig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Das führt auch beim Autisten zu Frust, da er an seinen Fähigkeiten zweifelt, und schon kommt es zu einem „Meltdown“, oder aber zu einem sogenannten „Shutdown“, in dem sämtliche Funktionen herunter gefahren werden, und sich der Autist als Schutzmaßnahme in sich zurück zieht. Man kann sich das wie ein Abschalten vorstellen, der einen vor einem „Meltdown“ schützt. Ob man eher zu einem Ausbruch oder zum Abschalten neigt, ist mitunter Charakter- und Erfahrungssache.

Aber wie gesagt: Die beste Aussicht auf Erfolg ist, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

 

Hierfür braucht es viel Verständnis und kreative Ideen, Autisten Strategien an die Hand zu geben, wie sie mit all den Reizen und Alltagsgeschehnissen zu recht kommen können.

 

In der Schule braucht es nicht viel, dass Autisten am Unterricht teilnehmen können.

Manche benötigen eine direktere Betreuung und Beaufsichtigung, dafür würde sich ein Schulbegleiter anbieten, der auch die Lehrkräfte entlasten kann, damit diese ihren Unterricht führen können. Der Schulbegleiter ist dafür zuständig, dem Autisten zu signalisieren, wenn er eine kleine Pause einlegen sollte, er kann mit ihm eine Zeit lang den Raum verlassen und ihm Sicherheit bieten.

Auch hilft er bei der Arbeitsstruktur, wenn Autisten Schwierigkeiten haben, alle Aufgaben korrekt zu registrieren, Handlungsabläufe können visuell unterstützt, Aufgaben nochmal erklärt und zum Mitmachen motiviert werden.

Ein Schulbegleiter hilft auch bei der Kommunikation mit Mitschülern und Lehrern, hilft bei Konflikten und „übersetzt“ bei Missverständnissen.

 

Allerdings ist der Schulbegleiter keine pädagogische Zweitkraft. Der Lehrauftrag obliegt ausschließlich den Lehrkräften. Zwar können durchaus auch einmal Arbeitsblätter im Ruheraum gemacht werden, aber der Schulbegleiter ist nicht dafür da, den Schüler zu unterrichten, damit der Lehrer mit der Klasse ohne den Autisten arbeiten kann. Inklusion heißt, den Schüler mit Hilfemaßnahmen dazu zu befähigen, am regulären Unterricht teilzunehmen.

 

Ist kein Schulbegleiter notwendig, können dennoch kleine Hilfen für die Teilhabe am Unterricht nötig sein. Diese werden schriftlich als Nachteilsausgleich festgelegt, regelmäßig überprüft und ggf. angepasst.

 

Visuelle Pläne helfen, Abläufe im Unterricht zu verdeutlichen, oder auf anstehende Aufgaben und Stunden vorzubereiten. Je übersichtlicher und vorhersehbarer ein Tag gestaltet ist, desto besser kommt man als Autist mit Herausforderungen zurecht. Wie dies im Einzelnen gestaltet wird, hängt von der Notwendigkeit ab, wobei der Fantasie keine Grenzen gesetzt werden.

 

In den einzelnen Fächern ist es manchmal hilfreich, die Aufgaben in Proben anzupassen. Sei es, dass jede Aufgabe ein einzelnes Blatt bekommt, oder die Anzahl der Aufgaben zu reduzieren, oder die Probenzeit zu erhöhen. Textaufgaben sind oft schwierig, diese können durch reine Rechenaufgaben ersetzt oder der Kontext genauer erklärt werden.

 

Aufsätze in Form von Fantasiegeschichten oder Erlebniserzählungen können eine große Hürde darstellen. Autisten fällt es äußerst schwer, Emotionen zu erkennen und zu beschreiben, weshalb dabei eher trockene Berichte oder abschweifende Romane entstehen können. Sicher gibt es eine Möglichkeit, für Autisten diese Aufgaben umzugestalten.

 

Gruppenarbeit ist u.U. nicht zu meistern. Hier könnte man dem Autisten eine einzelne Aufgabe stellen, die er allein lösen darf, um sie dann am Ende dem ganzen Projekt wieder hinzu zu fügen.

 

Feinmotorische Bereiche können eine größere Abweichtoleranz nötig machen, wie bspw. in Geometrie oder Zeichnen, andere haben eher Probleme in der Grobmotorik, was man in sportlichen Tätigkeiten merkt.

 

Manchmal kommt man nicht umhin, den Schüler genauer zu kontrollieren, z.B. ob er seine Arbeitsblätter eingesteckt oder die Hausaufgaben richtig notiert hat. Hier sollten alle Lehrer ein Auge darauf haben und nicht, wie bei gleichaltrigen Schülern, eine erlernte Selbstständigkeit erwarten. Wie oben bereits erwähnt, ist die autistische Wahrnehmung und Reizverarbeitung anders, manche Autisten brauchen in mehr oder weniger Bereichen ihr Leben lang Unterstützung. Das heißt nicht, dass Autisten nicht auch lernen können, eigenständig Aufgaben zu bewältigen, aber manches dauert länger, und manches gelingt nie so wirklich.

 

Auch zu beachten ist, wie die Ressourcen des Tages bereits verbraucht sind. Autisten können eine Zeit lang gut kompensieren und scheinen nach außen hin völlig unauffällig, wenn aber die Kräfte aufgebraucht sind, wird eine angepasste Unterstützung unumgänglich. Daher kommen auch oft Leistungsschwankungen vor. Man sollte sich also als Lehrer nicht verunsichern lassen, wenn es an einem Tag nicht so gut klappt, und vor allem darf man es nicht persönlich nehmen oder als Faulheit fehlinterpretieren. An guten Tagen sind Autisten zu enormen Fähigkeiten in der Lage.

 

Regelmäßiger Austausch zwischen Eltern, Schule und ggf. Schulbegleiter sowie Akzeptanz gegenüber des autistischen Seins sind die Grundvoraussetzungen für ein Gelingen von Inklusion.

 

Aus autistischen Kindern werden autistische Erwachsene. Ziel sollte es sein, sie zu selbstbewussten Menschen zu machen, die sich nicht schämen müssen, anders zu sein. Auch ist ein Heranführen an ein selbstbestimmtes Leben wichtig. Man kann von außen nur begleiten. Aber was man als Autist braucht und was nicht, sollte jeder für sich entscheiden dürfen.

 

Ich wünsche gutes Gelingen!

 

Bei weiteren Fragen melden Sie sich gerne