Typische Klischees

Das Schlimme, was ich an dieser Stelle leider erwähnen muss, ist, dass Klischees nicht auf die Allgemeinbevölkerung beschränkt sind, sondern auch vor Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Lehrern und sonstigen Fachleuten nicht Halt machen.

Was man angefangen von der Diagnostik über Therapeuten bis hin zu Einrichtungsgeschehen schon alles hören und ertragen musste?

Hier ein kleiner Einblick:

 

„Der kann kein Autist sein, der

- gibt mir die Hand

- schaut mich direkt an

- antwortet auf meine Fragen

- ...“

=> Kinder- und Jugendpsychiater/ Psychologen, wenn Eltern mit dem Verdacht auf Autismus zu ihnen kommen.

 

„Die sieht gar nicht so autistisch aus“

=> Kinderarzt, als man ihn von den Problemen erzählte.

 

„Mich wundert aber sehr, dass sie eine Asperger-Diagnose hat, sie ist doch ein Mädchen“

=> Psychiater, der ein Gutachten fürs Versorgungsamt erstellen sollte.

 

„Solche Kinder gehören auf die Förderschule“

=> Grundschullehrerin vor dem ersten Schultag.

 

„Asperger-Autisten haben keine Sprachprobleme und bauen auch keine enge Bindung zu den Eltern auf“

=> Psychiaterin bei einer erneuten Diagnostik.

 

„Sind Sie sich sicher, dass Sie es auf dem 1. Arbeitsmarkt schaffen mit ihrer Erkrankung?“

=> Sonderpädagogin und Fachkraft für Autismus zu einem Teilnehmer (mit einem IQ von 130!) im Zuge einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme.

 

„Ich hatte schon mal mit drei Autisten zu tun, die waren ganz anders“

=> Schulsozialarbeiterin beim Gespräch nach der Diagnosestellung.

 

„Der müsste sich bloß besser anpassen, dann hätte er nicht solche Probleme“

=> Lehrerin beim Gespräch über Mobbing in der Schule.

 

„Die weiß ganz genau, was sie will, die braucht eine strengere Hand“

=> Kinderarzt auf die Frage, woher die häufigen Ausbrüche mit Schreien und Schlagen kommen könnten.

 

„Wir wollen ihr keine Sonderrolle zukommen lassen“

=> Lehrer und MSD-A beim Gespräch über die Notwendigkeit eines Schulbegleiters.

 

 

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Diese Aussagen sind auch nicht erfunden sondern tatsächlich so geäußert worden, viele Eltern berichten mir von derartigen Erlebnissen.

Wenn man auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung ist, sind solche Sätze weder hilfreich noch ermutigend.

Das zeigt aber leider auch, dass noch viel Fehl- oder Halbwissen im Umlauf ist, dem es entgegen zu wirken gilt.

Man sieht nur, was man kennt.

Natürlich kann ein Kinderarzt oder ein Therapeut, der noch nie bewusst mit Kindern aus dem Autismus-Spektrum zu tun hatte, schwer einschätzen, was denn nun ins Spektrum passt oder nicht.

Aber ich finde es auch nicht verwerflich, offen darüber zu sprechen, wenn man eben keine oder wenig Erfahrung hat. Wir können nur von- und miteinander lernen.

Ich kann mich auch schlecht mit einem Blinden über Farben unterhalten, denn ich weiß nicht wie es ist, nichts sehen zu können. Deshalb mache ich aber dem Blinden keine Vorwürfe oder sage ihm, er solle sich mal nicht so anstellen.

Bitte denken Sie erst nach, bevor Sie jemanden evtl. verletzen oder verunsichern könnten!