Wahrnehmung/ Reizverarbeitung

 

Wir alle kennen sie, die sieben Sinne (sofern wir eben diese alle beisammen haben):

 

Sehen

Hören

Schmecken

Riechen

Tasten

Gleichgewicht

Eigenwahrnehmung/ Körperbewusstsein

 

Nun wird bei Autismus manchmal von einer „Wahrnehmungs-Störung“ und einer „Verarbeitungs-Störung“ gesprochen. Diese Begriffe leiten einen in die Irre, denn die Sinnesorgane funktionieren ganz normal (solange keine tatsächliche Beeinträchtigung vorliegt wie Sehschwäche, Schwerhörigkeit, o.Ä.). Unser Gehirn aber nimmt die Reize anders wahr und verarbeitet diese dementsprechend anders.

 

Menschen im Autismus-Spektrum können in manchen oder gar allen Bereichen hypersensibel (überempfindlich) oder hyposensibel (unterempfindlich) sein. Sie können sowohl über- als auch unterempfindlich sein, und das wiederum kann sogar je nach Situation oder Verfassung wechseln.

 

Vieles erscheint auch deshalb paradox, und manchmal hat es damit zu tun, was man selbst steuern kann und auf was man keinen Einfluss hat.

 

So kann es z.B. sein, dass jemand sehr gut mit festem Druck zurecht kommt, diesen sogar braucht, um überhaupt etwas zu spüren, andererseits kann aber das sanfte Plätschern einer Brause oder leichte Berührungen als schmerzhaft empfunden werden.

 

Manche haben ein Problem mit den leisesten Geräuschen, hören aber sehr gerne laut Musik oder hämmern selbst auf Tischen oder anderen Gegenständen herum.

 

Da bei Autisten dazu auch der Reizfilter anders, kaum oder gar nicht funktioniert, kommt es häufig zu Problemen der Reizüberflutung.

 

Da möchte man sich z.B. mit jemandem unterhalten, Gespräche von anderen Menschen im Umkreis werden aber ebenso laut wahrgenommen und lenken so sehr ab, dass man dem Gegenüber schwer folgen oder seine eigene Antwort kaum noch formulieren kann. Beim Telefonieren können Nebengeräusche dazu führen, dass man nicht mehr weiß, was man eigentlich sagen wollte...

 

Lichtreize und Spiegelungen können dermaßen stören, Leuchtreklame als schmerzhaft empfunden werden.

 

Starke Gerüche führen zu einem großen Unwohlsein, obwohl die Art der Gerüche für die meisten als angenehm oder zumindest nicht störend wahrgenommen wird. Parfum z.B. oder ein schöner Blumenstrauß, der Kaffee oder die frisch gebackenen Brezen aus der Bäckerei. Andererseits findet so mancher Autist Gerüche wie Farben, Lacke oder Benzin an der Tankstelle toll.

 

Bei taktilen Reizen können Wäschestücke oder die gesamte Kleidung ein Problem darstellen. Manchmal ist es der Stoff, den man nicht ertragen kann, manchmal Waschzettelchen am Halsausschnitt oder innere Nähte an Socken. Vielleicht löst auch ein Waschmittel Unbehagen aus oder man fühlt den Weichspüler in der Wäsche. Manche Autisten kleiden sich am liebsten einfach nur in reiner Baumwolle und mögen es locker, wie bspw. ein T-Shirt und eine Jogginghose ohne Bündchen und Taschen, manche laufen am liebsten kurzärmelig und -beinig herum, während andere es lieber eng anliegend und richtig warm haben.

 

Der Tastsinn kann unterschiedlich bedient werden und jeder Autist hat hier seine Vorlieben oder Abneigungen. Manche können z.B. Metall oder Holz nicht berühren oder haben ein Problem mit Seide oder Satin, während manche mit den Händen oder Fingerspitzen gerne über alle Oberflächen streichen, um diese zu erfühlen.

 

Der Geschmackssinn ist bei vielen Autisten entweder über- oder unterempfindlich. Manche mögen es richtig stark gewürzt, während es anderen nicht fad genug sein kann. Auch hier kann es im taktilen Bereich zu Schwierigkeiten kommen, dann nämlich, wenn die Konsistenz einer bestimmten Speise als unangenehm empfunden wird. Manche können es auch nicht ertragen, wenn eine Mahlzeit unübersichtlich gemischt ist, sie brauchen jede Zutat am besten voneinander getrennt, was wiederum auch die visuelle Wahrnehmung anspricht.

 

Der Gleichgewichtssinn und die eigene Körperwahrnehmung ist bei vielen Autisten nicht ausgeglichen. Sie „wissen“ nicht, wo ihr Körper aufhört und wo die Umwelt anfängt. Man erkennt es daran, dass sie sich häufig anstoßen, einem zu nahe kommen, einen ungeschickten Gang zeigen oder auch Probleme beim Fahrrad- oder Rollerfahren haben. Sie mögen keine Aktivitäten, bei denen die Füße sich vom Boden entfernen oder haben Probleme bei Ballspielen und anderen grobmotorischen Aktionen.

 

Viele lieben es aber, ihren Körper hin und her zu wiegen, zu schaukeln, sich zu drehen, um ihre Wahrnehmung im Außen zu erfühlen.

 

Manche Autisten haben Schwierigkeiten bei der Feinmotorik. So gelingt es ihnen nicht, Schnürsenkel zu binden, Knöpfe zu schließen, etwas sauber auszuschneiden oder anzukleben.

 

Hingegen spüren sie in ihrem eigenen Inneren manches, was in ihrem Körper vor sich geht: Das Rauschen des Blutes, die Darmbewegungen, der eigene Herzschlag. Andererseits fehlt ihnen dann aber wiederum die Wahrnehmung für Hunger und Durst, Krankheitsanzeichen oder gar innere Schmerzen.

 

Der Umgang mit all diesen Wahrnehmungsmöglichkeiten ist bei jedem Unterschiedlich und auch selbst bei einer Person nicht immer gleich.

 

Hier ein paar Tipps, was man als Autist tun oder dabei haben kann:

 

Kopfhörer entweder mit Musik oder als Schallschutz, je nach Bedarf und Bedürfnis

 

Sonnenbrille zum Abschirmen von zu grellen Reizen oder auch Bewegungen, Abdunkeln führt ggf. zu einem Entspannungsgefühl

 

Stressbälle zum Kneten, Bänder oder Tücher, usw., um die Hände zu beschäftigen, hilft beim Stressabbau

 

dünne Baumwollhandschuhe, wenn man bestimmte Dinge gerade in der Öffentlichkeit nicht anfassen kann

 

Stofftuch mit einem angenehmen oder sehr intensiven Geruch (z.B. Duftöle), um unangenehme Gerüche zu übermalen oder auch zur Beruhigung

 

Gewichtsdecke/ schwere Decke, um sich wieder zu erden, Dinge zu verarbeiten und etwas Halt zu spüren

 

Schaukel, Trampolin, Kugelbahn, Knete, Wasserspiele, Kreisel... Monotone Beschäftigung hilft bei der Verarbeitung und kann beruhigen

 

Verdunklungsvorhänge/ Jalousien/ Rollos, um ungewollte Lichteinstrahlungen im Zimmer zu vermeiden

 

warme Lichter statt rein-weiße Leuchtmittel

 

Lampen, die z.B. Bilder an die Decken und Wände projizieren, Lavalampen, o.Ä. zum Fokussieren, zur Reizverarbeitung, zur Beruhigung

 

Geräusche-CDs, Hörbücher, Musik je nach Befindlichkeiten, Bedarf und Geschmack; manches beruhigt, manches motiviert und stärkt, manches hilft beim Abreagieren

 

Checkliste für die eigene Versorgung: Körperhygiene, Kleiderwechsel, ausreichend Essen und Trinken, Heizen, Lüften... alles, womit man beim eigenen Spüren Schwierigkeiten hat

 

Checkliste für medizinische Belange: Zähne, Haut, Ausscheidungen... (alles, was man sehen kann), Blutdruck/ Puls... (alles, was man messen kann), Notizzettel für zwischendurch, um ggf. innere Wahrnehmungen zu dokumentieren (Kratzen im Hals, Druck im Bauch, Ziehen im Rücken... oder auch „da ist was komisch“)

 

Hilfen zum Abschotten unterwegs: Bei kleinen Kindern Kinderwagen/ Buggy mit Verdeck, dünne Decke oder Tuch; Jacke oder Sweatshirt mit Kapuze

 

Bei all diesen Vorschlägen zum Umgang mit Reizen sollte eines allerdings nicht missverstanden werden: Es ist nicht ratsam, sich immer und überall den Reizen zu entziehen oder die Umgebung ausschließlich reizarm zu gestalten. Viel wichtiger wäre es, sich Zeit zu nehmen und der eigenen Wahrnehmung Raum zu lassen. Sich bewusst zu machen, was genau man gerade wahrnimmt, kurz inne hält und sich aktiv darauf einrichtet, kann dazu führen, dass man schneller bemerkt, wann eine Reizüberflutung auftritt, ob man diese noch aushalten kann oder man sich schließlich davor in Schutz bringen muss.